Sonia Haumonté: Zuhören, sich ändern, sich anpassen

Sonia Haumonté: Zuhören, sich ändern, sich anpassen

Mitgefühl und Verständnis.

 

Coronakrise: Sonia Haumonté, Inhaberin der Vaniyé Patisserie in Parnell, Neuseeland und Beraterin Les vergers Boiron, teilt mit uns ihre persönliche und berufliche Erfahrung und nennt ihre Sicht der Zukunft.

Diese schreckliche Pandemie hat alle Menschen und alle Betriebe weltweit getroffen. Es ist schrecklich, aber gleichzeitig auch beruhigend zu wissen, dass wir im Kampf ums Leben und Überleben nicht alleine sind. Unsere Premierministerin Jacinda Ardern rief sehr früh den Lockdown aus, um uns zu schützen und unsere Gesundheit und die Sicherheit von Neuseeland oder Aotearoa (der original Maori-Name) zu gewährleisten. Die strengen Auflagen zwangen alle Unternehmen, die nicht „systemrelevant“ waren, zu einer mindestens zweimonatigen Schließung. 

 

Ich bin körperlich und geistig in guter Verfassung geblieben und hatte die Möglichkeit, viel Zeit mit meiner Familie zu Hause zu verbringen. Das ist paradoxerweise das schönste Geschenk, das ich der Coronakrise verdanke. Davor war unser Leben von einem so hohen Tempo bestimmt, dass wir vergaßen, die kleinen Dinge des Alltags zu schätzen, die unsere Aufmerksam verdienen und uns wirklich glücklich machen.
Diese Zeit gab mir ebenfalls zu verstehen, welche Menschen in unserer Gemeinschaft wirklich wahre Helden sind: Ganz zuvorderst das Krankenhauspersonal, die Polizisten und die Parlamentarier, die unser Land zusammengeschweißt haben, dann die „normalen“ Bürger, die die Supermarktregale aufgefüllt haben, die Müllmänner, die unseren Abfall beseitigt haben (mein Sohn liebt die großen Müllautos und winkt ihnen immer nach), die Menschen, die die Straßen gekehrt, unsere Gärten und Parkanlagen sauber gehalten haben, die uns Ware nach Hause geliefert haben, die Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrs und die wunderbaren Nachbarn, die ihr Brot und ihre Kuchen geteilt haben und für ältere Menschen das Nötigste einkaufen gegangen sind, damit sie überlegen konnten. 

 

Trotz der Angst hat mir der Lockdown Zeit gegeben, zu entspannen, durchzuatmen, an mein persönliches Leben zu denken und über die Zukunft meines Betriebs nachzudenken. Ich bin Mutter und Ehefrau, ich gebe meiner Familie Liebe und mache sie glücklich. Ich bin aber auch Inhaberin eines Betriebs und muss alles unternehmen, um weiter arbeiten zu können und rentabel zu sein. Nach der Krise sollen die Arbeitsplätze meiner Mitarbeiter gesichert sein.
Ich wurde mir auch bewusst, dass ich Teil einer Gemeinschaft bin. Meine Kunden haben mir bewiesen, dass wir viel mehr sind, als eine Bäckerei, die Süßigkeiten, Kuchen und Kaffee verkauft. Wir beteiligen uns an ihrer Zufriedenheit und verschaffen ihnen Glücksgefühle. Sie kennen unsere Geschichte, unsere Ethik, unsere Werte, unsere Motivationen. Sie legen weite Wege durch die Stadt zurück, um bei uns einzukaufen. Sie waren immer da, um uns zu ermutigen, als wir mit unserem kleinen Marktstand anfingen. Sie waren da, um mir beim Saubermachen der Tische zu helfen, als ich schwanger war und arbeiten musste. Sie waren an meiner Seite, als mein Sohn zur Welt kam und haben ihn groß werden oder in der Patisserie spielen sehen. Sie haben mir Genesungswünsche und Blumen geschickt, als ich im Krankenhaus lag. Sie waren bereit, mir beim Falten der Kuchenschachteln zu helfen, als mein Team und ich zu viel zu tun hatten. Sie haben mir während des Lockdowns Umschläge mit Geld zugesteckt, damit wir unseren Betrieb retten konnten. 

 

Die Coronakrise hat unsere Aktivität vor allem während des totalen Lockdowns sehr stark getroffen: Wir mussten unsere Rechnungen weiter bezahlen, hatten aber keine Einnahmen. Meine Masterclasses wurden eingestellt, viele Arbeitsplätze waren oder sind immer noch gefährdet, viele Menschen haben künftig weniger Geld zum Ausgeben. Wir stehen vor einer neuen Realität und anderen Konsumgewohnheiten. Schon während des Lockdowns haben wir unsere Arbeitsweise neu durchdacht und Pläne für eine neue Zukunft in Angriff genommen.
Die Kommunikation ist der Schlüssel. Wir haben unsere Präsenz in den sozialen Netzwerken verstärkt und verschicken Newsletter an unsere Kunden. Wir haben unsere Schaufenster neu gestaltet und Hinweise zur Hygiene und Sicherheit integriert. Wir setzen vermehrt auf den Online-Handel, arbeiten neue Rezepturen aus und bringen neue limitierte Produktreihen allein für den Wochenendverkauf heraus. Diese Angebote sind zeitlich und mengenmäßig begrenzt und schaffen so einen besonderen Anreiz.  Wir haben strenge Abstandsregeln eingeführt und sind für Selbstabholer wieder geöffnet. Wir achten sehr darauf, alle essentiellen Hygiene- und Schutzmaßnahmen einzuhalten. Für den Sitzbereich im Salon de Thé tun wir mehr, als die offiziellen Vorschriften verlangen, denn die Sicherheit aller ist uns wichtig. 

 

Die Produktionsplanung und die Kostenkontrolle sind momentan lebenswichtige Punkte. Die Miete ist unser erster Ausgabenposten, daran können wir nichts ändern. Dann kommen die Löhne- und Gehälter. Gefragt sind eine effizientere Planung und ein besseres produktives Management unserer Küche. Unnötige Kosten heißt es zu reduzieren, was uns effektiv gelungen ist.
Unsere Kunden spielen in alle dem eine große Rolle.  Wir haben sie über die Verschwendung von Lebensmitteln aufgeklärt, ihre Auswirkung auf unsere Aktivität und die Umwelt. Wir ermutigen sie, Vorbestellungen oder Direktkäufe auf unserer Webseite zu tätigen, damit wir weniger Lebensmittel wegwerfen müssen und informieren sie über die positiven Auswirkungen auf unsere Produktionsplanung. Wird den Kunden erst einmal bewusst, wie lebensmittelverarbeitende Betriebe funktionieren, dann sind sie verständnisvoll und bereit, uns zu helfen. 

 

Ich glaube nicht, dass man für die Zeit nach Corona die besten Geschäftsmodelle vorhersagen kann. Die Kunden und das Konsumverhalten sind ausschlaggebend, wie auch die Entwicklung ihrer Wünsche und Bedürfnisse. Deshalb ist es so wichtig, seine Kunden wirklich zu kennen, besser mit ihnen zu kommunizieren und effizient mit ihnen in Kontakt zu treten. Unsere Regierung hat einen unglaublichen Job geleistet und unsere Landsleute waren bemerkenswert. Wir wissen nun, dass wir eine ähnliche Situation wahrscheinlich wieder durchstehen können. Als Chef eines Unternehmens muss ich stets informiert sein, zuhören können und für Veränderungen und Anpassungen an jede Situation bereit sein, und dabei gesund und positiv eingestellt bleiben.

 

 

 

Juli 2020