Marc Balaguer: Umdenken und sich neu erfinden

Marc Balaguer: Umdenken und sich neu erfinden

Die Zeit des Umdenkens.

 
Coronakrise: Marc Balaguer, Chef und Berater Les vergers Boiron aus Barcelona, teilt uns die radikalen Veränderungen in seiner Art zu denken und zu handeln mit und berichtet über das Verhältnis zu seiner Familie und seinen Angehörigen.
Marc, als wir im Oktober 2017 zum ersten Mal über deine Karriere sprachen, warst du mit 25 Jahren der jüngste Botschafter Les vergers Boiron, den es je gab. Damals arbeitetest du als Mitglied des spanischen Teams intensiv an einer Eisskulptur für die Gelato-Weltmeisterschaft von Rimini 2018, bei der Spanien Vize-Weltmeister wurde. Ich kann mir vorstellen, dass die Corona-Pandemie dein Leben stark getroffen hat. 

 

In der Tat, vor drei Jahren war ich geradezu fanatisch auf den Wettbewerb und die Technik konzentriert. Fast meine ganze Zeit, jeden Tag in der Woche, perfektionierte ich mich. Ich hatte oft 16-Stunden-Tage und nahm im Jahr höchstens 2 Wochen Urlaub. Die Pandemie setzte dem ein jähes Ende, und ich musste meine Lebensweise komplett neu betrachten. Ich bin kein Mystiker, habe aber eine Introspektion begonnen, mache mir viel mehr Gedanken wie früher und halte manchmal komplett inne. Solche Sachen kamen früher nie bei mir vor. Ich sage es nicht aus Schmeichelei, aber Les vergers Boiron haben mich während all dieser Zeit unterstützt, gaben mir Gelegenheit, viele Wege zu erforschen, den Dialog mit unseren Händlern fortzusetzen, neue Zutaten und neue Rezepturen zu entwickeln, meine Kompetenzen und meine Nutzung der sozialen Netzwerke zu verbessern. Kurz, mich auf die Zukunft vorzubereiten. Besonders möchte ich Zamira von Les vergers Boiron danken, die während all dieser Zeit zu mir hielt. 

 

Ich glaube, du hast auch mit Michel Willaume zusammengearbeitet, einem anderen Botschafter Les vergers Boiron, der wie du in Barcelona wohnt. 

 

Ja, das hat viel zu meinem Umdenken und zu meiner Sicht der Dinge beigetragen. Ich traf Michel dank Les vergers Boiron. Ich sah den ehemaligen Patissier-Weltmeister stets als Vorbild, und über sein Consultingunternehmen Think Pastry hat er mich immer schon inspiriert, neue Geschmackskombinationen auszuprobieren. Doch vor allem hat er mir zu verstehen gegeben, welche Erfahrungen die gute Küche ermöglicht.  Wir sind enge Freunde geworden, teilen unsere persönlichen und beruflichen Sorgen und helfen uns gegenseitig, diese schwierige Zeit zu überstehen. Sein Zuhörvermögen, seine unglaubliche Klarsichtigkeit und seine Widerstandskraft haben mir viel gebracht und mich wirklich inspiriert. Ich bin ihm sehr dankbar, mich als Ebenbürtiger akzeptiert zu haben, und ich bin sehr beglückt, Teil der erweiterten Les vergers Boiron-Familie zu sein. 

 

Und wie wirkt sich dies alles nun auf deinen Alltag aus?

 

Ich achte jetzt viel mehr auf meine Familie, die sich etwas vernachlässigt fühlte, als ich nur die Wettkämpfe im Kopf hatte, auch wenn meine Lebenspartnerin immer viel Verständnis gezeigt und mich voll unterstützt hatte. Ich hoffe, dass wir bald in ihr Heimatland Bolivien reisen können, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Auch meine Freunde sind wichtiger für mich geworden. Ich nehme mir jetzt Zeit, ich studiere und, was vielleicht seltsam erscheinen mag, ich singe und tanze und erfreue mich an unzähligen kleinen Dingen, vom Feuerwerk bis zum Home Boxing. Aber Achtung, das will nicht heißen, dass ich nur noch „chille“ und Spaß habe - für mich ist das sowieso unmöglich. Wie gesagt, ich denke an die Zukunft und unsere Ernährungsweise, und ich teste, probiere alle möglichen und unmöglichen Varianten aus, so auch die Verbindung zwischen den Profi-Gastronomen und dem Home Cooking, dem Kochen zu Hause. Ich nenne das „take in and take out“. Wir denken zum Beispiel an die Möglichkeit, Kits zusammenzustellen, mit denen gutes Eis zu Hause zubereitet werden kann und begleiten dies mit Anleitungen und Videos in den sozialen Netzwerken und im Internet. Ich glaube, dass wir alle gerade dabei sind, unsere Lebensweise von Grund auf zu überdenken, und vor allem, wie wir geistig und körperlich gesünder leben können. Die Coronakrise war für viele Menschen eine Erkenntnis und eine Quelle der Selbsterfahrung. Wir müssen nun langfristiger denken. Ich will nicht nur ein Vorbild für meinen Sohn sein, ich möchte ihm Werte vermitteln und ihm dabei helfen, ein Mensch zu werden, der sich seiner Rolle in dieser neuen Welt bewusst ist. 

 

 

 

 

Juli 2020