Feray Aydogdu: Das süße Leben teilen

Feray Aydogdu: Das süße Leben teilen

Die Philosophie im Dienst des Lebens.

 

Coronakrise: Interview mit Feray Aydogdu, Chef und Inhaberin der Tonka Patisserie im türkischen Dorf Datça (nahe Bodrum). Feray, ehemalige Studentin der Philosophie, teilt ihre Gedanken über ihre jüngsten Erfahrungen.
Feray, wir führten im November 2019 ein Gespräch über dich und deine Karriere, als du Botschafterin für Les vergers Boiron wurdest. Damals arbeitetest du hart, um in Datça, einem kleinen Küstenort im Süden der Türkei, nahe Bodrum, die Tonka Patisserie zu eröffnen. Und du hattest einen beachtlichen Werdegang hinter dir: Executive Pastry Chef in den größten Hotels von Istanbul, Teilnahme an internationalen Patisserie-Wettbewerben. Davor warst du Studentin der Philosophie in Galatasaray, Türkei und in Sankt-Petersburg, Russland. Dein Entschluss, dein Leben so radikal zu ändern und neue Herausforderungen anzunehmen hat mich damals tief beeindruckt. Wie hat die Coronakrise deine Meinung über deine getroffenen Entscheidungen beeinflusst?

 

Lange Zeit war ich wirklich eine Städterin, und als ich mich vor knapp drei Jahren entschloss, Istanbul zu verlassen, hatte ich drei Ideen im Kopf: meine eigene Patisserie eröffnen, einen Garten mein Eigen nennen und so oft wie möglich im Meer schwimmen. Auch wenn es lange Arbeitstage gab und man mit dem Druck leben muss, um Ferayein kleines Unternehmen am Laufen zu halten, habe ich meinen Entschluss nie bereut. Während des Lockdown habe ich die beste und bedeutungsvollste Zeit meines Lebens gelebt. Als die Aufforderung kam, unsere Geschäfte zu schließen, hatten wir eine Stunde Zeit dafür. Zwei Tage lang bin ich zu Hause geblieben und habe versucht, mich zu orientieren. Dann habe ich entschlossen, etwas für meine Stadt zu tun, denn ich war die einzige Person, die weiter arbeiten konnte. Die Leute blieben zu Hause und ich begann, positive Nachrichten zu posten und Rezepte online zu stellen, damit die Leute sie zu Hause nachbacken konnten. Meine Philosophie war es, Süße zu versprühen. Die Menschen reagierten sehr schnell und als sie wieder vor die Tür gingen, hielten sie in meinem Laden für den Austausch kleiner Nettigkeiten. Ich fühlte mich ihnen gegenüber ein bisschen wie ein Bartender oder ein Psychologe, dem sie ihre Sorgen und Gedanken anvertrauen. Viele brachten mir Früchte und Kräuter aus ihren Gärten mit der Begründung, ich könnte sie besser gebrauchen, um schöne Patisserien daraus zu machen. So fing ich an, Kuchen zum Mitnehmen zu backen, und ich wurde von vielen Leuten unterstützt. Eines Tages benötigte ich Physalis (Lampionblume, Kapstachelbeere) als Dekoration für eine Torte, fand aber keine. Ich postete eine Anfrage auf Instagram und eine ältere Dame erinnerte sich, dass sie welche in ihrem Garten hatte aber eigentlich nicht wusste, was man damit macht. Voller Stolz brachte sie mir welche vorbei. Ich bedaure nur, dass ich ihr Lächeln hinter dem Nasen-Mund-Schutz nicht sehen konnte.

 
Also, was ist die größte Veränderung aus diesen Erfahrungen, die du gefühlt hast?

 

Eigentlich alles. Die Beziehungen sind total anders geworden. Ein Beispiel. Anstatt, dass die Leute zu mir kamen, um Kuchen bei mir zu kaufen, brachten sie mir Essen und ihre selbstgebackenen Kuchen und fragten mich, was sie daran besser machen konnten. Ich erklärte ihnen, wie man den besten Geschmack aus den Zutaten lockt, zum Beispiel durch weniger Zucker oder durch neue Kombinationen. Sie kauften auch meine Kreationen des Tages, um sich eine Freude zu machen, aber ganz offensichtlich, um mir zu helfen. An einem Tag kam ein Diabetiker und kaufte drei neue Kuchen, die ich im Internet gepostet hatte. Ich sagte ihm, dass ich ihm die Kuchen nicht verkaufen könnte, da sie Zucker enthalten. Er bestand darauf und erklärte, dass er die Kuchen an die Kinder in der Nachbarschaft verschenken wollte, deren Familien sich nur selten Patisserien leisten könnten. Ich verkaufe auch Brot und Kaffee aus einem nahegelegenen Geschäft, das vor der Krise gerade geöffnet hatte und praktisch sofort wieder schließen musste. Ich bin für die Gemeinschaft eine Art „Tante Emma“-Laden geworden.

 

Feray
Wie hat sich deine philosophische Bildung auf deine Lebensweise während der Krise ausgewirkt?  

 

Sie hatte in der Tat einen großen Einfluss. Ich habe in dieser Zeit mehr gelesen und stärker überlegt. In meinen Masterstudiengang beschäftigte ich mich mit Sartre und Dostojewski, und das hat mir geholfen, mein Leben und Schicksal mit einem „existentialistischen“ Blick zu betrachten. Meine wichtigste Inspirationsquelle war Mevlana, ein persischer Mystiker aus dem 13. Jh, der sich dem Sufismus anschloss (er wird oft als Dante oder Shakespeare des Islams bezeichnet). Er glaubte, dass wir durch Musik, Poesie und Tanz die Welt transzendieren und Liebe versprühen können. Er hat mir geholfen, meinen inneren Frieden zu finden und hat meine Beziehung zu den anderen inspiriert. Ich brach das Philosophiestudium ab, weil ich es zu abstrakt fand. Mit der Patisserie mache ich etwas Konkretes, Fassbares. Während der Krise vereinten sich beide in meinem Geist, die Barrieren fielen und die Strukturen, in den wir uns oft selbst einschließen. Ein Gedanke, der mir geholfen hat, war dass, wenn es in deinem Leben drunter und drüber geht, wie kannst du wissen, welche Position die beste ist, drunter oder drüber? Das war bei mir in diesem Frühling wirklich der Fall, als das Negative mir ermöglichte, eine meiner positivsten Erfahrungen in meinem Leben zu machen. Und ich hoffe, dass ich dieses relativiertere Denken mit in mein künftiges Leben nehmen kann.

 

 

 

Juli 2020